Der amerikanische Podcaster und Neurowissenschaftler Andrew Huberman brachte Tongkat Ali einem Millionenpublikum naher - in einer Episode seines Podcasts berichtete er von seiner personlichen Einnahme und den Auswirkungen auf sein Wohlbefinden. Seitdem erlebt die südostasiatische Wurzel einen regelrechten Hype in der Biohacking-Szene. Doch was steckt hinter dem "Malaysischen Ginseng"?
- Tongkat Ali (Eurycoma longifolia) ist eine traditionelle Heilpflanze aus Südostasien
- Studien zeigen moderate Testosteron-Erhöhungen von etwa 37% bei gestressten Personen
- Wirkstoffe wie Eurycomanon hemmen die Aromatase und reduzieren Cortisol
- Typische Dosierung: 200-400 mg standardisierter Extrakt täglich
- 2024-Studie an trainierten Personen zeigte keine signifikanten Testosteron-Effekte
- Sicherheitsprofil gilt als gut, aber Langzeitdaten fehlen
Was ist Tongkat Ali?
Tongkat Ali, wissenschaftlich als Eurycoma longifolia bezeichnet, ist ein langsam wachsender Strauch aus den Regenwäldern Malaysias, Indonesiens, Vietnams und Thailands. Die Wurzeln werden seit Jahrhunderten in der traditionellen Medizin verwendet - als Tonikum zur Steigerung von Energie, Libido und allgemeiner Vitalität. Der Name bedeutet wörtlich übersetzt "Alis Gehstock" und verweist auf die charakteristische Form der Wurzel.
In der modernen Supplement-Industrie wird Tongkat Ali vor allem für seine vermeintlich testosteronsteigernden Eigenschaften vermarktet. Die Wurzel enthält eine komplexe Mischung bioaktiver Verbindungen, darunter Quassinoide (insbesondere Eurycomanon), Alkaloide und spezielle Peptide, die als Eurypeptide bezeichnet werden.
Der Wirkmechanismus - Was passiert im Körper?
Die Wissenschaft hat mehrere Mechanismen identifiziert, über die Tongkat Ali den Hormonhaushalt beeinflussen könnte. Die etwa 4,3 kDa grossen Eurypeptide greifen offenbar in die Steroidsynthese ein und führen zu einem Überschuss an DHEA - einer Vorstufe des Testosterons. Parallel dazu blockiert Eurycomanon die Aromatase, ein Enzym, das beim alternden Mann Testosteron in Östrogen umwandelt.
| Mechanismus | Wirkung | Evidenzgrad |
|---|---|---|
| LH/FSH-Stimulation | Anregung der Testosteronproduktion in den Hoden | Moderat (Tierstudien) |
| Aromatase-Hemmung | Weniger Umwandlung von Testosteron in Östrogen | Gut (In-vitro) |
| Cortisol-Reduktion | Verbessertes Testosteron/Cortisol-Verhältnis | Gut (Humanstudien) |
| SHBG-Senkung | Mehr freies, biologisch aktives Testosteron | Begrenzt |
Was sagen die Studien?
Eine vielzitierte Studie von Talbott et al. aus dem Jahr 2013 untersuchte 63 mässig gestresste Probanden über vier Wochen. Die Tongkat-Ali-Gruppe zeigte eine bemerkenswerte Verbesserung des Stresshormonprofils: Cortisol sank um 16%, während der Testosteronstatus um 37% stieg. Auch Stimmungsparameter wie Spannung, Wut und Verwirrung verbesserten sich signifikant.
Die Testosteron-Effekte scheinen besonders bei Personen mit niedrigem Ausgangswert oder erhöhtem Stresslevel ausgeprägt zu sein. Bei jungen, gesunden Männern mit normalem Testosteronspiegel fallen die Effekte deutlich geringer aus.
Eine Meta-Analyse von Kristian Leisegang aus dem Jahr 2021 wertete neun randomisiert-kontrollierte Studien aus und fand signifikante Testosteron-Erhöhungen sowohl bei gesunden Erwachsenen als auch bei Männern mit Hypogonadismus. Allerdings variierte die Qualität der eingeschlossenen Studien erheblich.
Die ernüchternde 2024-Studie
Eine im Mai 2024 veröffentlichte Studie von Antonio et al. dämpft den Enthusiasmus jedoch. Die Forscher untersuchten 33 trainierte Männer und Frauen über vier Wochen mit 400 mg Tongkat Ali täglich. Das Ergebnis: Weder beim freien Testosteron noch beim Cortisol zeigten sich signifikante Unterschiede zwischen der Supplement- und der Placebogruppe. Auch Körperzusammensetzung, Griffstärke und Schlafqualität blieben unverändert.
Die Studienlage zu Tongkat Ali ist heterogen und oft von kleinen Stichproben, kurzen Interventionszeitraumen und variierender Extraktqualität geprägt. Viele Studien wurden zudem von Herstellern finanziert. Die testosteronsteigernde Wirkung bei gesunden, jungen Männern mit normalem Hormonstatus ist wissenschaftlich nicht eindeutig belegt.
Dosierung und Anwendung
Die meisten Studien verwendeten standardisierte Heisswasserextrakte in Dosierungen zwischen 200 und 400 mg täglich. Die Standardisierung erfolgt häufig auf den Gehalt an Eurycomanon, dem Hauptwirkstoff. Wichtig ist die Qualität des Extrakts - Angaben wie "100:1 Extrakt" sagen wenig über den tatsächlichen Wirkstoffgehalt aus.
In Toxizitätsstudien wurde Tongkat Ali als "Kategorie 5" (extrem sicher) eingestuft, mit einem NOÄL (No Observed Adverse Effect Level) von über 1.000 mg pro Kilogramm Körpergewicht. Mögliche Nebenwirkungen umfassen Reizbarkeit, Unruhe und Schlafprobleme - was bei einer vermeintlich stimulierenden Substanz nicht überrascht.
Für wen könnte Tongkat Ali interessant sein?
Basierend auf der aktuellen Studienlage könnten besonders folgende Gruppen von Tongkat Ali profitieren: Männer ab 40 mit nachlassender Energie oder Libido, Personen unter chronischem Stress mit erhöhten Cortisolwerten, sowie Menschen mit diagnostiziertem niedrigem Testosteronspiegel, die eine natürliche Ergänzung zur ärztlichen Behandlung suchen. Für junge, gesunde Athleten mit normalem Hormonhaushalt ist der Nutzen fraglich.
Tongkat Ali ist kein Ersatz für eine ärztliche Behandlung bei Hormonmangel. Bei Symptomen wie chronischer Müdigkeit, Libidoverlust oder Stimmungsschwankungen sollte immer zunächst ein Arzt konsultiert werden, um zugrundeliegende Erkrankungen auszuschliessen.
Kombination mit anderen Supplements
In der Biohacking-Szene wird Tongkat Ali häufig mit anderen Substanzen kombiniert. Populäre Kombinationen umfassen Adaptogene wie Ashwagandha zur Stressreduktion oder Zink und Vitamin D zur Unterstützung der Hormonproduktion. Wissenschaftliche Daten zu solchen Kombinationen sind jedoch rar.
Interessant ist die Verbindung zu anderen Longevity-Strategien: Die Reduktion von chronischem Stress durch Tongkat Ali könnte theoretisch auch positive Auswirkungen auf die Regeneration und das allgemeine Wohlbefinden haben. Allerdings fehlen hier spezifische Studien.
Fazit
Fazit: Tongkat Ali ist ein interessantes Supplement mit plausiblen Wirkmechanismen, aber die Evidenz für eine substantielle Testosteron-Steigerung bei gesunden Menschen ist begrenzt. Am ehesten profitieren gestresste oder ältere Männer mit suboptimalem Hormonhaushalt. Wer es ausprobieren möchte, sollte auf standardisierte Extrakte achten und keine Wunder erwarten.