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Resveratrol - Vom Rotwein-Wunder zur ernüchternden Realität

9. Januar 2026

Im Jahr 2008 zahlte der Pharmagigant GlaxoSmithKline 720 Millionen Dollar für ein kleines Biotech-Startup namens Sirtris. Die Hoffnung: Ein Molekül aus Rotwein namens Resveratrol könnte der Schlüssel zur Verlängerung des menschlichen Lebens sein. Heute, mehr als 15 Jahre später, ist von diesem Traum wenig übrig geblieben - doch die Geschichte von Resveratrol ist eine lehrreiche Lektion über Wissenschaft, Hype und die komplizierte Realität der Anti-Aging-Forschung.

Das Wichtigste in Kürze

  • Resveratrol ist ein Polyphenol aus Weintrauben, Beeren und Erdnüssen
  • Die vermeintliche Sirtuin-Aktivierung stellte sich als Laborartefakt heraus
  • Obwohl 75% absorbiert werden, erreichen weniger als 1% die Zielorgane
  • Grosse Kohortenstudie (JAMA 2014): Kein Zusammenhang mit Langlebigkeit
  • Meta-Analysen zeigen moderate Effekte auf Blutdruck und Blutzucker
  • Der 720-Millionen-Dollar-Deal von GlaxoSmithKline brachte kein zugelassenes Medikament

Der Aufstieg eines Wundermoleküls

Die Geschichte begann 2003, als der Molekularbiologe David Sinclair von der Harvard Medical School berichtete, dass Resveratrol die Lebensspanne von Hefezellen um etwa 30% verlängern konnte. Der Mechanismus: die Aktivierung eines Enzyms namens Sirtuin-1 (SIRT1), das die Wirkung einer Kalorienrestriktion nachahmen sollte. Spätere Studien zeigten ähnliche Effekte bei Fadenwürmern, Fruchtfliegen und schliesslich auch bei Mäusen - zumindest bei solchen, die eine fettreiche Diät erhielten.

Das "French Paradox" lieferte die perfekte Erklärung: Warum leben Franzosen trotz fettreicher Küche und reichlich Rotwein länger als abstinente Angelsachsen? Resveratrol schien die Antwort zu sein. Der Hype war geboren.

Der 720-Millionen-Dollar-Irrtum

GlaxoSmithKline kaufte Sirtris in der Hoffnung, aus Resveratrol oder verwandten Substanzen Medikamente gegen Alterung und Stoffwechselerkrankungen zu entwickeln. Doch dann kamen die Probleme: Viele von Sinclairs Experimenten liessen sich nicht reproduzieren. Kritiker zeigten, dass die vermeintliche Sirtuin-Aktivierung ein Laborartefakt war - ein fluoreszierender Marker in den Tests hatte die Ergebnisse verfälscht.

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Jahr Ereignis Auswirkung
2003 Sinclair veröffentlicht Hefe-Studie Beginn des Resveratrol-Hypes
2008 GlaxoSmithKline kauft Sirtris 720 Mio. Dollar Investition
2010 Kritische Studien zu Sirtuin-Aktivierung Laborartefakt-Hypothese
2014 JAMA-Kohortenstudie Kein Langlebigkeits-Effekt beim Menschen
2024 Systematische Reviews Nur moderate Effekte bei Stoffwechsel

Die ernüchternde Kohortenstudie

2014 veröffentlichte Richard Semba von der Johns Hopkins University eine prospektive Kohortenstudie in JAMA Internal Medicine, die den finalen Nagel im Sarg des Resveratrol-Hypes war. Die Forscher hatten Resveratrol-Metabolite im Urin älterer Italiener gemessen und deren Sterblichkeit über neun Jahre verfolgt. Das Ergebnis: Kein Zusammenhang zwischen Resveratrol-Spiegeln und Lebenserwartung. Teilnehmer mit den niedrigsten Konzentrationen hatten sogar tendenziell das geringste Sterberisiko.

Die kritische Perspektive:
Die Geschichte von Resveratrol ist ein Paradebeispiel für den sogenannten "Publication Bias" und überzogene Medienberichterstattung. Vielversprechende Laborergebnisse wurden als Durchbruch verkauft, während negative Studien weniger Aufmerksamkeit erhielten. Die 720 Millionen Dollar von GlaxoSmithKline haben bis heute kein zugelassenes Medikament hervorgebracht.

Das Bioverfügbarkeits-Dilemma

Selbst wenn Resveratrol wirksam wäre - der Körper macht es nicht leicht. Obwohl etwa 75% der oral eingenommenen Substanz absorbiert werden, erreichen weniger als 1% die Zielorgane in aktiver Form. Der Körper metabolisiert Resveratrol schnell zu Sulfat- und Glucuronid-Konjugaten, die biologisch weniger aktiv sind.

Erschwerend kommt hinzu: Eine Phase-2-Studie an Patienten mit multiplem Myelom musste vorzeitig abgebrochen werden, weil es unter hochdosiertem Resveratrol zu schweren Nebenwirkungen bis hin zu Nierenversagen kam. Hohe Dosen sind also nicht nur wirkungslos, sondern potenziell gefährlich.

Was bleibt von Resveratrol?

Trotz aller Ernüchterung ist Resveratrol nicht völlig wirkungslos. Meta-Analysen zeigen moderate Effekte auf bestimmte Parameter: Senkung des systolischen Blutdrucks, Verbesserung der Nüchternglukose bei Diabetikern, und mögliche Reduktion von Entzündungsmarkern. Eine aktuelle systematische Übersichtsarbeit (Brown et al., 2024) im International Journal of Molecular Sciences fasst zusammen: Die Wirkung auf einzelne Erkrankungen wie Arteriosklerose oder bestimmte Stoffwechselparameter scheint vorhanden, aber die grossen Anti-Aging-Versprechen sind nicht eingelöst.

Gut zu wissen:
Forscher vom Max-Delbrück-Centrum in Berlin haben einen interessanten Mechanismus entdeckt: Resveratrol wirkt nicht antioxidativ, wie lange angenommen, sondern pro-oxidativ. In geringen Mengen setzt es die Zellen unter milden Stress - ein Hormesis-Effekt, der sie langfristig robuster macht. Hohe Dosen hingegen sind schädlich.
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Resveratrol vs. andere Polyphenole

Interessanterweise zeigen andere Polyphenole in vielen Studien vergleichbare oder bessere Ergebnisse. Quercetin, Fisetin und EGCG aus grünem Tee haben teilweise stärkere Evidenz für bestimmte Anwendungsgebiete. Die Fixierung auf Resveratrol könnte den Blick auf vielversprechendere Kandidaten verstellt haben.

Im Kontext der Senolytika-Forschung spielt Resveratrol heute kaum noch eine Rolle. Substanzen wie Fisetin und die Kombination aus Dasatinib und Quercetin haben deutlich überzeugendere senolytische Eigenschaften gezeigt.

Rotwein als Gesundheitselixier?

Die romantische Vorstellung, dass ein Glas Rotwein am Tag das Leben verlängert, hält der wissenschaftlichen Prüfung nicht stand. Ein Glas Rotwein (150 ml) enthält etwa 0,2-2 mg Resveratrol - Studien mit positiven Effekten verwendeten 150-500 mg täglich. Um diese Menge aus Rotwein zu beziehen, müsste man 75-250 Gläser pro Tag trinken - mit offensichtlich katastrophalen Konsequenzen.

Moderne epidemiologische Studien zeigen zudem: Selbst moderater Alkoholkonsum hat netto negative Gesundheitseffekte. Der vermeintliche Nutzen für das Herz-Kreislauf-System war statistischen Verzerrungen geschuldet.

Wichtige Einschränkung:
Resveratrol-Supplemente sind in Deutschland frei verkäuflich, aber die Qualität variiert stark. Wechselwirkungen mit Medikamenten (besonders Blutverdünnern) sind möglich. Wer Resveratrol einnehmen möchte, sollte dies mit einem Arzt besprechen - insbesondere bei bestehenden Erkrankungen oder Medikamenteneinnahme.

Lektionen aus dem Resveratrol-Hype

Die Geschichte von Resveratrol bietet wertvolle Lektionen für die Bewertung von Gesundheitstrends. Laborergebnisse - selbst spektakuläre - übersetzen sich nicht automatisch in klinische Wirksamkeit. Tiermodelle haben Grenzen. Und kommerzielle Interessen können die wissenschaftliche Kommunikation verzerren. Der Zone-2-Training und andere evidenzbasierte Longevity-Strategien haben sich als robuster erwiesen.

Fazit: Resveratrol ist ein faszinierendes Molekül mit komplexer Geschichte. Die grossen Anti-Aging-Versprechen haben sich nicht bestätigt, aber moderate Effekte auf Stoffwechselparameter sind dokumentiert. Wer Resveratrol einnimmt, sollte realistische Erwartungen haben - und den Rotwein aus Genuss, nicht aus medizinischen Gründen trinken.

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Quellen

kathi dreimuth

Die Autorin
Kathi ist unsere sportliche Allrounderin mit einem besonderen Faible für gesunde Ernährung und Bewegung. Wenn sie nicht gerade neue Rezepte ausprobiert oder auf dem Volleyballplatz steht, ist sie mit ihrem Labrador in der Natur unterwegs.