Im Jahr 2018 veröffentlichte ein Forscherteam um Paul Robbins und Laura Niedernhofer eine Studie, die in der Longevity-Community fuer Furore sorgte: Von zehn getesteten Flavonoiden war Fisetin - ein unscheinbarer Pflanzenstoff aus Erdbeeren - das potenteste Senolytikum. Bei alten Maeusen verlaengerte es nicht nur die mediane, sondern auch die maximale Lebensspanne. Die Jagd nach dem natuerlichen Jungbrunnen hatte einen neuen Favoriten.
- Fisetin ist ein Flavonoid mit der hoechsten senolytischen Potenz unter natuerlichen Substanzen
- Mayo-Clinic-Studie: Verlaengerung von medianer und maximaler Lebensspanne bei Maeusen
- Vergleichsstudien zeigen: 68% Clearance seneszenter Zellen ohne Schaedigung gesunder Zellen
- 2025-Studie: Verbesserung von Gebrechlichkeit und Griffstaerke bei alten Maeusen
- Humanstudien zeigen gemischte Ergebnisse - nur 4 von 10 Probanden mit Reduktion des biologischen Alters
- Erdbeeren enthalten die hoechste Konzentration (160 μg/g), aber therapeutische Dosen erfordern Supplemente
Was macht Fisetin besonders?
Die Forschergruppe um Robbins und Niedernhofer testete zehn verschiedene Flavonoide auf ihre Faehigkeit, seneszente Zellen zu eliminieren. Fisetin erwies sich als klarer Sieger - mit einer senolytischen Aktivitaet, die andere natuerliche Substanzen wie Quercetin, Curcumin und Resveratrol deutlich uebertraf. Vergleichsstudien zeigen eine Clearance-Rate von ueber 68% bei seneszenten Zellen, ohne dass gesunde Zellen geschaedigt werden.
Der Wirkmechanismus aehnelt dem von Quercetin: Fisetin greift die sogenannten SCAPs an - die Senescent Cell Anti-Apoptotic Pathways, die Zombie-Zellen normalerweise vor dem programmierten Zelltod schuetzen. Zusaetzlich besitzt Fisetin starke antioxidative und entzuendungshemmende Eigenschaften.
Die bahnbrechende Mayo-Clinic-Studie
Die 2018 in EBioMedicine veroeffentlichte Studie von Yousefzadeh et al. zeigte beeindruckende Ergebnisse: Alte Maeuse, die intermittierend mit Fisetin behandelt wurden, lebten laenger - sowohl die mediane als auch die maximale Lebensspanne war verlaengert. Dies war das erste Mal, dass ein natuerliches Senolytikum solche Effekte zeigte.
| Parameter | Ergebnis | Bedeutung |
|---|---|---|
| Seneszenz-Marker | Signifikant reduziert in multiplen Geweben | Hit-and-Run-Mechanismus bestaetigt |
| Mediane Lebensspanne | Verlaengert | Durchschnittliche Lebenserwartung gestiegen |
| Maximale Lebensspanne | Verlaengert | Seltener - deutet auf echten Anti-Aging-Effekt |
| Gewebe-Homoeostase | Verbessert | Gesündere Organfunktion im Alter |
Neue Erkenntnisse aus 2025
Eine im Mai 2025 in Aging Cell veroeffentlichte Studie von Murray et al. von der University of Colorado Boulder lieferte weitere ueberzeugende Daten. Die Forscher zeigten, dass intermittierende Fisetin-Supplementierung die altersbedingte Verschlechterung koerperlicher Funktionen bei Maeusen abschwaechen konnte. Konkret verbesserten sich der Gebrechlichkeits-Index und die Griffstaerke - ein starker Praediktor fuer Lebenserwartung auch beim Menschen.
Bemerkenswert: Fisetin hatte keine Effekte bei jungen Maeusen. Das deutet darauf hin, dass die Substanz spezifisch altersbedingte Probleme adressiert, anstatt allgemein die Leistung zu steigern. Die Verbesserungen waren vergleichbar mit genetischer Elimination seneszenter Zellen und synthetischen Senolytika wie ABT-263.
Die in Studien verwendeten Dosen liegen weit ueber dem, was normale Ernaehrung liefert. Um 250 mg Fisetin - eine potenzielle therapeutische Dosis - aus Erdbeeren zu beziehen, muesste man etwa 130 Erdbeeren (je 12 g) essen. Supplemente sind fuer therapeutische Anwendungen praktisch unverzichtbar.
Humanstudien - die ernuechternde Realitaet
Eine 2024 veroeffentlichte Pilotstudie testete 500 mg Fisetin taeglich fuer eine Woche pro Monat ueber sechs Monate bei zehn gesunden Erwachsenen ueber 50. Das Ergebnis war gemischt: Vier Probanden zeigten eine Reduktion des biologischen Alters (gemessen mit dem TruAge-Test), fuenf eine Erhoehung, und einer blieb unveraendert. Die Telomerlaengen aenderten sich nicht signifikant.
Die Autoren kommen zu einem vorsichtigen Schluss: Die Einnahme von Fisetin als Anti-Aging-Mittel kann nicht empfohlen werden, bis umfangreichere Studien vorliegen. Dies unterstreicht die Kluft zwischen vielversprechenden Tierstudien und der komplexen Realitaet beim Menschen.
Fisetins groesste Schwaechen sind seine geringe Bioverfuegbarkeit und schnelle Metabolisierung. Was im Reagenzglas und bei Maeusen funktioniert, uebersetzt sich nicht automatisch in klinische Wirksamkeit beim Menschen. Zuverlaessige, zugaengliche Marker zur Messung des senolytischen Effekts beim Menschen fehlen noch. Die optimale Dosierung und Darreichungsform sind klinisch nicht etabliert.
Fisetin bei Long COVID
Eine interessante Anwendung zeigt eine 2024-Studie der Mayo Clinic: Von 536 Long-COVID-Patienten erhielten 44 eine Fisetin-Intervention. 64% dieser Patienten berichteten von Verbesserungen. Die Hypothese: Chronische SARS-CoV-2-Infektionen koennen zellulaere Seneszenz ausloesen, und Fisetin koennte diese COVID-induzierten Zombie-Zellen eliminieren.
Bereits 2021 hatten Mayo-Clinic-Forscher in einer tierexperimentellen Studie gezeigt, dass Fisetin die Haelfte alter Maeuse vor einem toedlichen Verlauf einer Beta-Coronavirus-Infektion schuetzen konnte. Aktuell laufen klinische Studien (COVID-FISETIN und COVID-FIS) an hospitalisierten COVID-Patienten und Pflegeheimbewohnern.
Dosierung und praktische Ueberlegungen
In Tierstudien wurde typischerweise eine Dosis von 50 mg/kg/Tag verwendet, verabreicht in intermittierenden Zyklen - etwa eine Woche Behandlung, gefolgt von zwei bis drei Wochen Pause. Umgerechnet auf einen 70-kg-Menschen waeren das etwa 3.500 mg - deutlich mehr als die ueblichen Supplement-Dosierungen von 100-500 mg.
Die Kombination mit anderen senolytischen Substanzen wird ebenfalls untersucht. Eine Laengsschnittstudie aus 2024 zeigte, dass die Zugabe von Fisetin zu einer Dasatinib-Quercetin-Kombination (DQF) die bei D+Q allein beobachtete beschleunigte epigenetische Alterung abmildern koennte - ein interessantes Signal, das weitere Forschung verdient.
Natuerliche Quellen und Ernaehrung
Fisetin findet sich in verschiedenen Obst- und Gemuesesorten. Erdbeeren fuehren die Liste mit 160 μg/g an, gefolgt von Aepfeln, Persimonen (Kakifruechten), Zwiebeln und Gurken. Eine ernaehrungsbasierte Strategie zur Erhoehung der Fisetin-Aufnahme ist jedoch durch die hohen therapeutischen Dosen limitiert.
Die Integration fisetin-reicher Lebensmittel in die Ernaehrung hat unabhaengig vom senolytischen Potenzial Vorteile - als Teil einer polyphenolreichen Ernaehrung mit dokumentierten antioxidativen und entzuendungshemmenden Wirkungen.
Fisetin ist in Deutschland als Nahrungsergaenzungsmittel erhaeltlich, aber nicht als Arzneimittel zugelassen. Die Langzeitsicherheit bei hochdosierten Supplements ist nicht etabliert. Wechselwirkungen mit Medikamenten sind moeglich. Personen mit Erkrankungen sollten vor der Einnahme einen Arzt konsultieren.
Fisetin im Kontext der Longevity-Forschung
Die Senolytika-Forschung ist eines der spannendsten Felder der Altersmedizin. Fisetin nimmt dabei eine besondere Stellung ein - als potentestes natuerliches Senolytikum mit akzeptablem Sicherheitsprofil koennte es den Weg fuer breitere Anwendungen ebnen. Die laufenden Studien zu Frailty, Sepsis und Long COVID werden zeigen, ob sich das praeklinische Versprechen in klinische Realitaet uebersetzen laesst.
Fazit: Fisetin zeigt in praeklinischen Studien beeindruckende senolytische Eigenschaften und verlaengerte bei alten Maeusen die Lebensspanne. Die Humanstudien liefern bisher gemischte Ergebnisse. Wer Fisetin ausprobieren moechte, sollte realistische Erwartungen haben - es ist ein vielversprechender Kandidat, aber kein bewiesener Jungbrunnen.