Im Jahr 2008 zahlte der Pharmagigant GlaxoSmithKline 720 Millionen Dollar fuer ein kleines Biotech-Startup namens Sirtris. Die Hoffnung: Ein Molekuel aus Rotwein namens Resveratrol koennte der Schluessel zur Verlaengerung des menschlichen Lebens sein. Heute, mehr als 15 Jahre spaeter, ist von diesem Traum wenig uebrig geblieben - doch die Geschichte von Resveratrol ist eine lehrreiche Lektion ueber Wissenschaft, Hype und die komplizierte Realitaet der Anti-Aging-Forschung.
- Resveratrol ist ein Polyphenol aus Weintrauben, Beeren und Erdnuessen
- Die vermeintliche Sirtuin-Aktivierung stellte sich als Laborartefakt heraus
- Obwohl 75% absorbiert werden, erreichen weniger als 1% die Zielorgane
- Grosse Kohortenstudie (JAMA 2014): Kein Zusammenhang mit Langlebigkeit
- Meta-Analysen zeigen moderate Effekte auf Blutdruck und Blutzucker
- Der 720-Millionen-Dollar-Deal von GlaxoSmithKline brachte kein zugelassenes Medikament
Der Aufstieg eines Wundermolekuels
Die Geschichte begann 2003, als der Molekularbiologe David Sinclair von der Harvard Medical School berichtete, dass Resveratrol die Lebensspanne von Hefezellen um etwa 30% verlaengern konnte. Der Mechanismus: die Aktivierung eines Enzyms namens Sirtuin-1 (SIRT1), das die Wirkung einer Kalorienrestriktion nachahmen sollte. Spaetere Studien zeigten aehnliche Effekte bei Fadenwuermern, Fruchtfliegen und schliesslich auch bei Maeusen - zumindest bei solchen, die eine fettreiche Diaet erhielten.
Das "French Paradox" lieferte die perfekte Erklärung: Warum leben Franzosen trotz fettreicher Kueche und reichlich Rotwein laenger als abstinente Angelsachsen? Resveratrol schien die Antwort zu sein. Der Hype war geboren.
Der 720-Millionen-Dollar-Irrtum
GlaxoSmithKline kaufte Sirtris in der Hoffnung, aus Resveratrol oder verwandten Substanzen Medikamente gegen Alterung und Stoffwechselerkrankungen zu entwickeln. Doch dann kamen die Probleme: Viele von Sinclairs Experimenten liessen sich nicht reproduzieren. Kritiker zeigten, dass die vermeintliche Sirtuin-Aktivierung ein Laborartefakt war - ein fluoreszierender Marker in den Tests hatte die Ergebnisse verfaelscht.
| Jahr | Ereignis | Auswirkung |
|---|---|---|
| 2003 | Sinclair veroeffentlicht Hefe-Studie | Beginn des Resveratrol-Hypes |
| 2008 | GlaxoSmithKline kauft Sirtris | 720 Mio. Dollar Investition |
| 2010 | Kritische Studien zu Sirtuin-Aktivierung | Laborartefakt-Hypothese |
| 2014 | JAMA-Kohortenstudie | Kein Langlebigkeits-Effekt beim Menschen |
| 2024 | Systematische Reviews | Nur moderate Effekte bei Stoffwechsel |
Die ernuechternde Kohortenstudie
2014 veroeffentlichte Richard Semba von der Johns Hopkins University eine prospektive Kohortenstudie in JAMA Internal Medicine, die den finalen Nagel im Sarg des Resveratrol-Hypes war. Die Forscher hatten Resveratrol-Metabolite im Urin aelterer Italiener gemessen und deren Sterblichkeit ueber neun Jahre verfolgt. Das Ergebnis: Kein Zusammenhang zwischen Resveratrol-Spiegeln und Lebenserwartung. Teilnehmer mit den niedrigsten Konzentrationen hatten sogar tendenziell das geringste Sterberisiko.
Die Geschichte von Resveratrol ist ein Paradebeispiel fuer den sogenannten "Publication Bias" und ueberzogene Medienberichterstattung. Vielversprechende Laborergebnisse wurden als Durchbruch verkauft, waehrend negative Studien weniger Aufmerksamkeit erhielten. Die 720 Millionen Dollar von GlaxoSmithKline haben bis heute kein zugelassenes Medikament hervorgebracht.
Das Bioverfuegbarkeits-Dilemma
Selbst wenn Resveratrol wirksam waere - der Koerper macht es nicht leicht. Obwohl etwa 75% der oral eingenommenen Substanz absorbiert werden, erreichen weniger als 1% die Zielorgane in aktiver Form. Der Koerper metabolisiert Resveratrol schnell zu Sulfat- und Glucuronid-Konjugaten, die biologisch weniger aktiv sind.
Erschwerend kommt hinzu: Eine Phase-2-Studie an Patienten mit multiplem Myelom musste vorzeitig abgebrochen werden, weil es unter hochdosiertem Resveratrol zu schweren Nebenwirkungen bis hin zu Nierenversagen kam. Hohe Dosen sind also nicht nur wirkungslos, sondern potenziell gefaehrlich.
Was bleibt von Resveratrol?
Trotz aller Ernuechterung ist Resveratrol nicht voellig wirkungslos. Meta-Analysen zeigen moderate Effekte auf bestimmte Parameter: Senkung des systolischen Blutdrucks, Verbesserung der Nuechternglukose bei Diabetikern, und moegliche Reduktion von Entzuendungsmarkern. Eine aktuelle systematische Uebersichtsarbeit (Brown et al., 2024) im International Journal of Molecular Sciences fasst zusammen: Die Wirkung auf einzelne Erkrankungen wie Arteriosklerose oder bestimmte Stoffwechselparameter scheint vorhanden, aber die grossen Anti-Aging-Versprechen sind nicht eingeloest.
Forscher vom Max-Delbrueck-Centrum in Berlin haben einen interessanten Mechanismus entdeckt: Resveratrol wirkt nicht antioxidativ, wie lange angenommen, sondern pro-oxidativ. In geringen Mengen setzt es die Zellen unter milden Stress - ein Hormesis-Effekt, der sie langfristig robuster macht. Hohe Dosen hingegen sind schaedlich.
Resveratrol vs. andere Polyphenole
Interessanterweise zeigen andere Polyphenole in vielen Studien vergleichbare oder bessere Ergebnisse. Quercetin, Fisetin und EGCG aus gruenem Tee haben teilweise staerkere Evidenz fuer bestimmte Anwendungsgebiete. Die Fixierung auf Resveratrol koennte den Blick auf vielversprechendere Kandidaten verstellt haben.
Im Kontext der Senolytika-Forschung spielt Resveratrol heute kaum noch eine Rolle. Substanzen wie Fisetin und die Kombination aus Dasatinib und Quercetin haben deutlich ueberzeugendere senolytische Eigenschaften gezeigt.
Rotwein als Gesundheitselixier?
Die romantische Vorstellung, dass ein Glas Rotwein am Tag das Leben verlaengert, haelt der wissenschaftlichen Pruefung nicht stand. Ein Glas Rotwein (150 ml) enthaelt etwa 0,2-2 mg Resveratrol - Studien mit positiven Effekten verwendeten 150-500 mg taeglich. Um diese Menge aus Rotwein zu beziehen, muesste man 75-250 Glaeser pro Tag trinken - mit offensichtlich katastrophalen Konsequenzen.
Moderne epidemiologische Studien zeigen zudem: Selbst moderater Alkoholkonsum hat netto negative Gesundheitseffekte. Der vermeintliche Nutzen fuer das Herz-Kreislauf-System war statistischen Verzerrungen geschuldet.
Resveratrol-Supplemente sind in Deutschland frei verkaeuflich, aber die Qualitaet variiert stark. Wechselwirkungen mit Medikamenten (besonders Blutverdünnern) sind moeglich. Wer Resveratrol einnehmen moechte, sollte dies mit einem Arzt besprechen - insbesondere bei bestehenden Erkrankungen oder Medikamenteneinnahme.
Lektionen aus dem Resveratrol-Hype
Die Geschichte von Resveratrol bietet wertvolle Lektionen fuer die Bewertung von Gesundheitstrends. Laborergebnisse - selbst spektakulaere - uebersetzen sich nicht automatisch in klinische Wirksamkeit. Tiermodelle haben Grenzen. Und kommerzielle Interessen koennen die wissenschaftliche Kommunikation verzerren. Der Zone-2-Training und andere evidenzbasierte Longevity-Strategien haben sich als robuster erwiesen.
Fazit: Resveratrol ist ein faszinierendes Molekuel mit komplexer Geschichte. Die grossen Anti-Aging-Versprechen haben sich nicht bestaetigt, aber moderate Effekte auf Stoffwechselparameter sind dokumentiert. Wer Resveratrol einnimmt, sollte realistische Erwartungen haben - und den Rotwein aus Genuss, nicht aus medizinischen Gruenden trinken.