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Spermidin - Der natürliche Autophagie-Booster

9. Januar 2026

Die Grazer Forscher Frank Madeo und Tobias Eisenberg hatten einen Verdacht: Könnte eine Substanz, die bereits im Körper vorkommt, der Schlüssel zu gesundem Altern sein? Ihre Forschung an Spermidin führte zu Veröffentlichungen in renommierten Journalen wie Nature und Science - und einer erstaunlichen Erkenntnis: Menschen, die viel Spermidin über die Nahrung aufnehmen, leben offenbar länger. Die Bruneck-Studie mit 829 Probanden über 20 Jahre lieferte den Beweis.

Das Wichtigste in Kürze

  • Spermidin ist ein körpereigenes Polyamin, das die Autophagie aktiviert
  • Die Autophagie ist der zelluläre Selbstreinigungsprozess
  • Der Spermidinspiegel sinkt mit dem Alter
  • Epidemiologische Studien zeigen: Höhere Spermidinzufuhr korreliert mit längerer Lebensspanne
  • Reich an Spermidin: Weizenkeime, Sojabohnen, gereifter Käse, Pilze
  • Spermidin wirkt als "Fastenmimetikum" - Autophagie ohne Fasten
  • Klinische Langzeitstudien am Menschen laufen noch

Was ist Spermidin?

Spermidin gehört zur Gruppe der Polyamine - stickstoffhaltige Verbindungen, die in praktisch allen lebenden Zellen vorkommen. Der Name leitet sich von seiner Entdeckung in Sperma ab, wo es in hoher Konzentration vorkommt. Das sollte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Spermidin in jeder Körperzelle eine wichtige Rolle spielt - vom Zellwachstum über die DNA-Stabilisierung bis zur Immunfunktion.

Der Körper kann Spermidin selbst herstellen, zusätzlich wird es über die Nahrung aufgenommen und von Darmbakterien produziert. Mit zunehmendem Alter nimmt die körpereigene Produktion jedoch ab - ein Muster, das sich bei vielen alterungsrelevanten Substanzen zeigt.

Interessanterweise fanden Forscher bei sehr alten Menschen (90-106 Jahre) wieder hohe Spermidinspiegel im Blut. Dies könnte darauf hindeuten, dass die Fähigkeit, Spermidin zu bilden oder aufzunehmen, ein Faktor für das Erreichen eines hohen Alters ist.

Autophagie - Der zelluläre Selbstreinigungsprozess

Um die Wirkung von Spermidin zu verstehen, muss man die Autophagie kennen. Das Wort kommt aus dem Griechischen und bedeutet "Selbstverdauung". Es beschreibt einen fundamentalen biologischen Prozess, bei dem Zellen ihre eigenen beschädigten oder überflüssigen Bestandteile abbauen und wiederverwerten.

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Man kann sich die Autophagie als zelluläres Recycling vorstellen: Defekte Proteine, geschädigte Mitochondrien und andere "Zellmüll" werden in kleine Vesikel eingeschlossen und durch Enzyme in ihre Grundbausteine zerlegt. Diese werden dann für den Aufbau neuer, funktionsfähiger Strukturen verwendet.

Autophagie-Aktivator Mechanismus Praktikabilität
Fasten (16+ Stunden) Nährstoffmangel aktiviert AMPK Erfordert Disziplin und Zeitmanagement
Intensiver Sport Energieverbrauch aktiviert zelluläre Stressantwort Nicht für jeden umsetzbar
Spermidin Hemmt mTOR, aktiviert AMPK Über Nahrung oder Supplement

Im Alter verliert die Autophagie an Effizienz. Es kommt zu krankheitsrelevanten Ablagerungen in den Zellen, die mit Demenz, Diabetes, Tumoren und Atherosklerose in Verbindung gebracht werden. "Die vermehrte Aufnahme von Spermidin signalisiert der Zelle, den Selbstreinigungsprozess zu starten und schützt damit vor Ablagerungen und vorzeitiger Alterung", erklärt der Neurologe Stefan Kiechl von der Medizinischen Universität Innsbruck.

Die Forschungsergebnisse

Die Grundlagenforschung zu Spermidin ist beeindruckend. Das Team um Frank Madeo konnte zeigen, dass Spermidin die Lebensdauer von Hefen, Fliegen, Würmern und menschlichen Immunzellen verlängert. Neben der verstärkten Autophagie aktivierte Spermidin auch Gene, die vor oxidativem Stress schützen.

Der Durchbruch kam mit der Bruneck-Studie - einer prospektiven Bevölkerungsstudie mit 829 Teilnehmern. Über einen Zeitraum von 20 Jahren analysierten die Forscher die Spermidinaufnahme über spezifische Diätfragebögen. Das Ergebnis: Probanden, die viel Spermidin über die Ernährung zuführen (mindestens 80 Mikromol pro Tag), wiesen ein deutlich geringeres Sterberisiko auf.

Kardioprotektive Wirkung:
Besonders bemerkenswert sind die Effekte auf das Herz-Kreislauf-System. Spermidin stimuliert die mitochondriale Atmung und verbessert die Funktion der Herzmuskelzellen. Eine gestörte Autophagie kann zu Arteriosklerose, Herzinsuffizienz und Herzrhythmusstörungen führen. Substanzen wie Spermidin, die die Autophagie aktivieren, könnten der Entstehung solcher Erkrankungen entgegenwirken.

Spermidin in der Ernährung

Die gute Nachricht: Spermidin kommt in vielen alltäglichen Lebensmitteln vor. Besonders reich sind Weizenkeime - sie enthalten mit Abstand am meisten Spermidin. Aber auch fermentierte Lebensmittel, die für die Darmgesundheit bekannt sind, liefern nennenswerte Mengen.

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Lebensmittel Spermidingehalt (mg/kg)
Weizenkeime 243
Sojabohnen 128
Gereifter Käse (z.B. Cheddar) 100-200
Pilze 89
Erbsen 65
Brokkoli 32

Für eine optimale Versorgung empfehlen Experten, täglich 1-2 Esslöffel Weizenkeime in Müsli oder Smoothie zu integrieren. Auch eine mediterrane Ernährung mit viel Hülsenfrüchten, gereiftem Käse und Vollkornprodukten liefert nennenswerte Spermidinmengen.

Spermidin als Supplement

Wer seine Spermidinzufuhr gezielt erhöhen möchte, findet mittlerweile diverse Nahrungsergänzungsmittel auf dem Markt. Die meisten basieren auf Weizenkeimextrakt als natürlicher Quelle. Typische Tagesdosen liegen bei 1-3 mg Spermidin.

Als sogenanntes "Fastenmimetikum" kann Spermidin die Autophagie aktivieren, ohne dass auf Nahrung verzichtet werden muss. Dies macht es besonders attraktiv für Menschen, die von den Vorteilen des Fastens profitieren möchten, aber Schwierigkeiten mit dem Fasten haben - etwa aufgrund von Medikamenteneinnahme oder anderen gesundheitlichen Einschränkungen.

Wichtige Einschränkung:
Obwohl Spermidin als gut verträglich gilt, sollten Menschen mit aktiven Krebserkrankungen vorsichtig sein. Da Spermidin das Zellwachstum fördern kann, ist theoretisch eine Unterstützung von Tumorwachstum denkbar. In Tierversuchen zeigte Spermidin allerdings eher schützende Effekte gegen Krebs. Die Studienlage am Menschen ist hier noch unzureichend.

Neuroprotektive Wirkung

Besonders interessant sind die Effekte von Spermidin auf das Gehirn. Studien weisen auf eine schützende Wirkung bei kognitivem Abbau sowie auf eine Unterstützung der Gedächtnisleistung hin. Spermidin kann die Anhäufung schädlicher Proteine in Gehirnzellen hemmen - ein Mechanismus, der bei neurodegenerativen Erkrankungen wie Alzheimer relevant sein könnte.

Die genauen Mechanismen sind noch nicht abschließend geklärt, allerdings spielt die Autophagie auch im Nervensystem eine zentrale Rolle für die neuronale Regeneration und den Schutz vor altersbedingtem Funktionsverlust. Dieser Aspekt ist auch für die Gehirnreinigung während des Schlafs relevant.

Die kritische Perspektive:
Die Spermidin-Forschung ist vielversprechend, aber noch nicht abgeschlossen. Die meisten Erkenntnisse stammen aus Zell- und Tierversuchen. Die Bruneck-Studie zeigt eine Korrelation, keine Kausalität - Menschen, die viel Spermidin essen, könnten auch andere gesunde Verhaltensweisen zeigen. Kontrollierte klinische Studien mit harten Endpunkten laufen noch. Zudem ist die Bioverfügbarkeit von oral aufgenommenem Spermidin und seine Verteilung in verschiedene Gewebe noch nicht vollständig verstanden.

Fazit: Spermidin ist einer der vielversprechendsten natürlichen Autophagie-Aktivatoren. Epidemiologische Daten zeigen einen Zusammenhang zwischen hoher Spermidinzufuhr und längerer Lebensspanne. Eine spermidinreiche Ernährung mit Weizenkeimen, Hülsenfrüchten und gereiftem Käse ist einfach umzusetzen und hat keine bekannten Nachteile. Ob Supplemente einen Zusatznutzen bieten, muss noch durch Langzeitstudien geklärt werden.

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Quellen

kathi dreimuth

Die Autorin
Kathi ist unsere sportliche Allrounderin mit einem besonderen Faible für gesunde Ernährung und Bewegung. Wenn sie nicht gerade neue Rezepte ausprobiert oder auf dem Volleyballplatz steht, ist sie mit ihrem Labrador in der Natur unterwegs.