Der US-Langlebigkeitsforscher David Sinclair nimmt es seit Jahren: Ein Gramm NMN pro Tag, jeden Morgen. Der Harvard-Professor und Autor des Bestsellers "Lifespan" ist das prominenteste Gesicht einer Bewegung, die NMN als Schlüssel zur Verlangsamung des Alterns sieht. Doch während Sinclair von verbesserten Vitalwerten berichtet und NMN-Hersteller Millionenumsätze verzeichnen, mahnt die Wissenschaft zur Vorsicht: Die Beweislage beim Menschen ist dünn.
- NMN ist eine Vorstufe von NAD+, einem lebenswichtigen Coenzym
- NAD+-Spiegel sinken mit dem Alter um bis zu 50 Prozent
- In Tierversuchen zeigt NMN beeindruckende Anti-Aging-Effekte
- Humanstudien sind vielversprechend, aber noch nicht ausreichend
- Typische Dosierung: 250-500 mg täglich
- In den USA seit August 2025 wieder als Supplement zugelassen
- Langzeitstudien zur Lebensverlängerung fehlen beim Menschen
Was ist NMN und warum ist NAD+ so wichtig?
Nicotinamid-Mononukleotid, kurz NMN, ist ein Vitamin-B3-Derivat und die direkte Vorstufe von NAD+ (Nicotinamid-Adenin-Dinukleotid). NAD+ ist ein Coenzym, das in jeder einzelnen Körperzelle vorkommt und für über 500 enzymatische Reaktionen benötigt wird. Man kann es sich als eine Art "Zellbatterie" vorstellen, die ständig aufgeladen und entladen wird.
NAD+ spielt eine zentrale Rolle bei der Energieproduktion in den Mitochondrien, der DNA-Reparatur, der Regulation von Entzündungsprozessen und der Aktivierung von Sirtuinen - einer Gruppe von Enzymen, die eng mit Langlebigkeit und gesundem Altern assoziiert sind.
Das Problem: Mit zunehmendem Alter sinken die NAD+-Spiegel dramatisch. Zwischen dem 40. und 60. Lebensjahr kann der NAD+-Gehalt um bis zu 50 Prozent abnehmen. Diese Abnahme korreliert mit typischen Alterungserscheinungen wie nachlassender Energie, reduzierter Regenerationsfähigkeit und erhöhter Anfälligkeit für altersbedingte Erkrankungen.
Warum NMN und nicht direkt NAD+?
Eine naheliegende Frage: Warum nimmt man nicht einfach NAD+ direkt ein? Das Problem liegt in der Aufnahme. NAD+ ist ein großes Molekül, das im Darm von Enzymen abgebaut wird, bevor es in den Blutkreislauf gelangen kann. Die Vorstufen - NMN und NR (Nicotinamid-Ribosid) - sind kleiner und können die Darmbarriere passieren.
| NAD+-Vorstufe | Vorteile | Nachteile |
|---|---|---|
| NMN | Direkteste Vorstufe, ein Umwandlungsschritt zu NAD+ | Teurer, regulatorisch zeitweise umstritten |
| NR (Nicotinamid-Ribosid) | Günstiger, länger erforscht | Zwei Umwandlungsschritte zu NAD+ |
| Niacin (Vitamin B3) | Günstig, leicht verfügbar | Flush-Effekt, längerer Umwandlungsweg |
NMN gilt als die "direkteste" Vorstufe - es muss nur noch ein enzymatischer Schritt durch das Enzym NMNAT erfolgen, um zu NAD+ zu werden. Japanische Studien konnten nachweisen, dass die tägliche Einnahme von 250 mg NMN bei gesunden Probanden zu einem Anstieg des NAD-Spiegels um etwa 40 Prozent führt.
Was zeigen die Tierversuche?
Die Ergebnisse aus Tiermodellen sind beeindruckend - und der Hauptgrund für den NMN-Hype. Professor Shin-ichiro Imai von der Washington University, ein Pionier der NMN-Forschung, konnte in zahlreichen Studien zeigen, dass NMN bei Mäusen den Energiestoffwechsel verbessert, die Glukosetoleranz optimiert und altersbedingte Defizite kompensiert.
Konkret führte NMN bei Mäusen zu einer verbesserten mitochondrialen Funktion, gesteigerter Insulinsensitivität, Schutz vor altersbedingtem Muskelabbau und sogar zu einer Verbesserung der Augenfunktion. Auch die Kapillardichte - ein Marker für die Durchblutung - verbesserte sich nach zweimonatiger NMN-Gabe auf das Niveau jüngerer Tiere.
Sirtuine sind NAD+-abhängige Enzyme, die als "Langlebigkeitsgene" bekannt sind. Sie beeinflussen die DNA-Reparatur, den Energiestoffwechsel und die Stressresistenz der Zellen. Ohne ausreichend NAD+ können Sirtuine nicht richtig arbeiten. Die Gehirngesundheit profitiert ebenfalls von einer optimalen Sirtuin-Funktion.
Was wissen wir über die Wirkung beim Menschen?
Hier wird es ernüchternd. Obwohl die Tierversuche beeindruckend sind, fehlen beim Menschen die entscheidenden Beweise. Professor Michael Ristow von der Charité Berlin findet die Datenlage "eher enttäuschend": "Ja, die NAD-Blutspiegel steigen, wenn man NMN nimmt, auch beim Menschen. Aber wir wissen nicht, ob das NMN aus dem Blut auch wirklich in den Herzmuskelzellen oder im Gehirn ankommt. Und das sind ja die Organe, auf die es ankommt."
Eine der wenigen gut durchgeführten Humanstudien stammt von Professor Samuel Klein, ebenfalls Washington University. In dieser Studie erhielten übergewichtige, postmenopausale Frauen zehn Wochen lang 250 mg NMN täglich. Das Ergebnis: verbesserte Insulinsensitivität in der Muskulatur und erhöhte NAD+-abhängige Genaktivität. Ein positives Signal - aber weit entfernt von einem Beweis für Anti-Aging-Effekte.
David Sinclair und der NMN-Hype
Kein Name ist so eng mit NMN verbunden wie David Sinclair. Der Harvard-Professor für Genetik hat das Thema mit seinem Buch "Lifespan: Why We Age - and Why We Don't Have To" einem Millionenpublikum zugänglich gemacht. Sinclair nimmt nach eigenen Angaben täglich NMN ein und berichtet von bemerkenswerten Ergebnissen: Sein Ruhepuls entspreche dem eines Leistungssportlers, seine Lungenkapazität der eines deutlich jüngeren Menschen.
Sinclair betont stets, dass er keine Empfehlungen aussprechen möchte - seine persönlichen Erfahrungen seien keine wissenschaftlichen Beweise. Kritiker werfen ihm dennoch vor, den Hype anzuheizen und Hoffnungen zu wecken, die die Datenlage nicht hergibt.
Keine einzige klinische Studie am Menschen konnte bisher eine lebensverlängernde Wirkung von NMN zeigen. Die vermuteten gesundheitlichen Vorteile wurden überwiegend aus Tier- und Zellversuchen abgeleitet. Die meisten bisherigen Humanstudien liefen nur über wenige Wochen und waren nicht dafür entworfen, Langzeiteffekte zu messen.
Dosierung und Einnahme
Die in Studien verwendeten Dosierungen liegen typischerweise zwischen 250 und 500 mg täglich. David Sinclair nimmt nach eigenen Angaben 1000 mg - eine Dosis, die deutlich über dem liegt, was in kontrollierten Studien getestet wurde.
NMN ist gut wasserlöslich und kann unabhängig von den Mahlzeiten eingenommen werden. Viele Anwender bevorzugen die morgendliche Einnahme, da NMN theoretisch die Energieproduktion ankurbelt. Sublingual (unter der Zunge) verabreichtes NMN soll eine bessere Bioverfügbarkeit haben, wissenschaftlich belegt ist das jedoch nicht.
Was die Sicherheit betrifft: Bislang sind in Studien keine bedeutenden Nebenwirkungen aufgetreten. Die FDA hat NMN nach längerer Unsicherheit im August 2025 wieder als Nahrungsergänzungsmittel (New Dietary Ingredient) zugelassen.
NMN im Kontext einer Longevity-Strategie
NMN sollte nicht isoliert betrachtet werden. Selbst Befürworter wie David Sinclair betonen, dass es nur ein Baustein in einer umfassenden Longevity-Strategie ist. Bewegung, optimiertes Mahlzeiten-Timing, guter Schlaf und Stressmanagement bleiben fundamental.
Interessanterweise kann auch körperliche Aktivität die NAD+-Spiegel natürlich erhöhen. Ausdauertraining aktiviert ähnliche zelluläre Signalwege wie NMN-Supplementierung. Für viele könnte regelmäßiger Sport daher die günstigere und besser belegte Alternative sein.
Wer NMN dennoch ausprobieren möchte, kann es mit synergistischen Substanzen kombinieren. Häufig empfohlen werden TMG (Trimethylglycin) zur Unterstützung der Methylierung, Trans-Resveratrol als Polyphenol mit Sirtuin-aktivierenden Eigenschaften und Apigenin, das ebenfalls die NAD+-abhängigen Enzyme unterstützen soll.
Trotz des enormen Hypes gibt es fundamentale offene Fragen: Erreicht oral eingenommenes NMN überhaupt die Zielorgane in ausreichender Menge? Wird der NAD+-Anstieg im Blut auch in den Mitochondrien der Herzmuskel- und Nervenzellen abgebildet? Und selbst wenn: Führt ein erhöhter NAD+-Spiegel automatisch zu Anti-Aging-Effekten? Die Wissenschaft weiß es schlicht noch nicht. Kritiker weisen auch darauf hin, dass CD38, ein NAD+-abbauendes Enzym, mit dem Alter zunimmt - mehr NAD+ zu produzieren löst also nicht automatisch das Problem.
Fazit: NMN ist einer der spannendsten Kandidaten in der Longevity-Forschung, aber der aktuelle Hype eilt der Wissenschaft weit voraus. Tierversuche sind vielversprechend, Humanstudien zeigen erste positive Signale, doch ein Beweis für lebensverlängernde Effekte beim Menschen fehlt. Wer NMN als Teil einer umfassenden Gesundheitsstrategie ausprobieren möchte, kann das bei guter Verträglichkeit tun - sollte aber realistische Erwartungen haben.