Dein Online-Magazin für ein besseres & vitaleres Leben.

Vagusnerv stimulieren - Was die Polyvagal-Theorie über Selbstregulation lehrt

9. Januar 2026

Der amerikanische Neurowissenschaftler Stephen Porges stellte in den 1990er Jahren eine Theorie vor, die das Verständnis von Stress, Trauma und menschlicher Verbindung revolutionieren sollte: die Polyvagal-Theorie. Im Zentrum steht der Vagusnerv - der längste Hirnnerv, der vom Gehirn bis in den Bauchraum reicht und eine Schlüsselrolle bei der Regulation von Herzfrequenz, Atmung, Verdauung und emotionalem Zustand spielt.

Das Wichtigste in Kürze

  • Der Vagusnerv ist die Hauptverbindung zwischen Gehirn und inneren Organen
  • Die Polyvagal-Theorie beschreibt drei Zustände: Sicherheit, Kampf/Flucht und Erstarrung
  • Langsames Ausatmen, Summen und soziale Interaktion können den Vagusnerv aktivieren
  • Ein gut funktionierender Vagusnerv zeigt sich in hoher Herzratenvariabilität
  • Die Theorie ist in der Wissenschaft umstritten, die praktischen Übungen wirken dennoch
  • Gefühlte Sicherheit ist der Schlüssel zur Selbstregulation

Was ist der Vagusnerv?

Der Name "Vagus" kommt vom lateinischen Wort für "umherschweifend" - und das beschreibt diesen Nerv gut. Er entspringt im Hirnstamm und zieht durch Hals, Brustkorb und Bauch, wobei er Signale an Herz, Lunge, Magen, Darm und andere Organe sendet und von ihnen empfängt. Etwa 80% der Nervenfasern sind afferent - sie leiten Informationen vom Körper zum Gehirn, nicht umgekehrt.

Der Vagusnerv ist der Hauptakteur des parasympathischen Nervensystems - des "Ruhe-und-Verdauungs"-Systems, das Entspannung, Regeneration und Erholung fördert. Wenn der Vagus aktiv ist, sinkt die Herzfrequenz, die Verdauung wird angeregt, Entzündungsreaktionen werden gedämpft. Das Gegenstück ist der Sympathikus, das "Kampf-oder-Flucht"-System, das bei Gefahr aktiviert wird.

Die Aktivität des Vagusnervs lässt sich indirekt über die Herzratenvariabilität (HRV) messen - die natürliche Schwankung der Herzfrequenz von Schlag zu Schlag. Höhere HRV deutet auf einen gut funktionierenden Vagusnerv und bessere Stressresilienz hin.

System Zustand Körperliche Reaktion
Ventraler Vagus Sicherheit, Verbundenheit Entspannung, offene Kommunikation
Sympathikus Gefahr, Mobilisierung Erhöhter Puls, schnelle Atmung
Dorsaler Vagus Überwältigung, Shutdown Erstarrung, Dissoziation, Ohnmacht
Siehe auch  Emotionen besser verstehen - Umgang mit intensiven Gefühlen

Die drei Zustände nach Porges

Die zentrale Erkenntnis der Polyvagal-Theorie: Der Vagusnerv besteht aus zwei verschiedenen Ästen mit unterschiedlichen Funktionen. Der evolutionär jüngere "ventrale" Vagus (vorne) reguliert Gesicht, Stimme, Herz und ist mit einem Gefühl von Sicherheit und sozialer Verbundenheit verbunden. Der evolutionär ältere "dorsale" Vagus (hinten) reguliert die Organe unterhalb des Zwerchfells und kann bei extremer Bedrohung eine Erstarrungsreaktion auslösen.

Porges beschreibt eine hierarchische Reaktion auf Bedrohung: Zuerst versucht das Nervensystem, die Situation durch soziale Interaktion zu lösen - Kommunikation, Kooperation, Bitten um Hilfe. Wenn das nicht funktioniert, schaltet der Sympathikus auf Kampf oder Flucht. Und wenn auch das nicht möglich ist - bei überwältigender Bedrohung ohne Ausweg - aktiviert der dorsale Vagus die Erstarrung, einen Shutdown-Zustand.

Ein zentrales Konzept ist die "Neurozeption" - die unbewusste Wahrnehmung von Sicherheit oder Gefahr, die unterhalb des Bewusstseins abläuft. Das Nervensystem scannt ständig die Umgebung: Gesichtsausdrücke, Stimmlagen, Körperhaltungen. Ein warmes Lächeln signalisiert Sicherheit, ein starrer Blick Gefahr - und das Nervensystem reagiert, bevor wir bewusst darüber nachdenken.

Gut zu wissen:
Die Polyvagal-Theorie erklärt, warum Menschen bei Traumata manchmal "einfrieren" statt zu kämpfen oder zu fliehen - und warum sie sich dafür später oft schämen. Der Shutdown ist keine bewusste Entscheidung, sondern eine automatische Schutzreaktion des Nervensystems bei überwältigender Bedrohung. Dieses Verständnis kann entlastend wirken.

Übungen zur Vagusnerv-Stimulation

Die gute Nachricht: Der Vagusnerv lässt sich bewusst beeinflussen. Anders als lange angenommen, ist das autonome Nervensystem nicht völlig autonom - wir haben Einflussmöglichkeiten. Die folgenden Methoden aktivieren den ventralen Vagus und fördern einen Zustand der Sicherheit:

Atmung: Langsames Ausatmen aktiviert den Parasympathikus. Die Ausatmung sollte länger sein als die Einatmung - etwa im Verhältnis 1:2. Kohärentes Atmen mit 5-6 Atemzügen pro Minute (etwa 5 Sekunden ein, 5 Sekunden aus) optimiert die HRV und den Vagustonus.

Siehe auch  VR- und AR-basierte Achtsamkeitstrainings

Summen, Singen, Gurgeln: Der Vagusnerv innerviert die Muskeln von Kehlkopf und Rachen. Vibrationen in diesem Bereich - durch Summen, Singen oder Gurgeln - stimulieren den Nerv direkt. Deshalb fühlt sich Singen im Chor so gut an: Es aktiviert den Vagus und schafft gleichzeitig soziale Verbundenheit.

Kälteexposition: Kurze Kältereize - kaltes Wasser im Gesicht, kalte Duschen - aktivieren den Vagusnerv. Der Tauchreflex, der bei Kälte im Gesicht ausgelöst wird, senkt reflexartig die Herzfrequenz.

Soziale Verbindung: Vielleicht die wichtigste Methode: echte, sichere menschliche Verbindung. Ein Gespräch mit einem vertrauenswürdigen Menschen, Augenkontakt, Berührung - all das signalisiert dem Nervensystem Sicherheit und aktiviert den ventralen Vagus.

Selbstregulation lernen

Selbstregulation bedeutet: Nach einer Stressreaktion wieder in einen Zustand der Sicherheit zurückfinden. Menschen mit guter Selbstregulation erholen sich schneller von Stress und bleiben auch unter Druck emotional stabil. Der Vagusnerv spielt dabei eine zentrale Rolle.

Bei Menschen mit Entwicklungstrauma oder chronischem Stress ist die Selbstregulationsfähigkeit oft beeinträchtigt. Das Nervensystem hat gelernt, dass die Welt unsicher ist, und bleibt in erhöhter Alarmbereitschaft - oder im Gegenteil in einem Shutdown-Zustand. Die Polyvagal-Theorie bietet einen Rahmen, um diese Muster zu verstehen und gezielt zu verändern.

Der Schlüssel ist nicht, Stress zu vermeiden, sondern die Fähigkeit zu entwickeln, nach Stress wieder in einen sicheren Zustand zurückzukehren. Die genannten Übungen - Atmung, Stimme, Kälte, Verbindung - sind Werkzeuge dafür. Mit regelmäßiger Praxis lernt das Nervensystem, dass Entspannung möglich und sicher ist.

Wichtige Einschränkung:
Bei schweren Traumata oder chronischer Dysregulation reichen Selbsthilfeübungen oft nicht aus. Die Unterstützung durch einen traumainformierten Therapeuten kann helfen, die Übungen sicher zu praktizieren und tiefere Muster zu bearbeiten. Polyvagal-informierte Therapie ist inzwischen ein etablierter Ansatz in der Traumabehandlung.
Siehe auch  Essen mit allen Sinnen genießen - Schritt für Schritt

Was die Kritik sagt

Die Polyvagal-Theorie ist in der wissenschaftlichen Gemeinschaft nicht unumstritten. Der Baseler Wissenschaftler Paul Grossman und andere haben methodische und konzeptuelle Kritik vorgebracht: Die Annahme einer phylogenetischen Hierarchie (dorsaler Vagus als "primitiver") sei nicht belegt, die Messungen der Herzratenvariabilität als Marker für Vagustonus seien ungenau, und manche anatomischen Grundannahmen seien fragwürdig.

Die Kritiker stellen nicht in Frage, dass der Vagusnerv wichtig ist oder dass die beschriebenen Übungen wirken - sie bezweifeln, dass die Polyvagal-Theorie der richtige Erklärungsrahmen ist. Meditation, Atmung und soziale Verbindung wirken über viele Mechanismen, nicht nur über den Vagusnerv.

Für die praktische Anwendung ändert das wenig: Die Übungen zur Vagusnerv-Stimulation sind sicher und wirksam, unabhängig davon, ob Porges' Theorie in allen Details korrekt ist. Das Konzept der "gefühlten Sicherheit" als Grundlage für Wohlbefinden und Heilung ist klinisch wertvoll, auch wenn die neurobiologischen Details noch debattiert werden.

Die kritische Perspektive:
Viele Selbsthilfebücher und Kurse zum "Vagustraining" versprechen mehr, als die Wissenschaft belegt. Einfaches Hand-Auflegen oder bestimmte Körperhaltungen stimulieren den Vagusnerv nicht nachweislich. Die elektrische Vagusnerv-Stimulation (VNS) ist die am besten erforschte Methode, aber sie erfordert medizinische Geräte. Die Wirkung von Atmung, Meditation und sozialer Verbindung ist belegt - aber vermutlich über viele Mechanismen, nicht nur den Vagusnerv.

Fazit: Die Polyvagal-Theorie bietet einen hilfreichen Rahmen, um Stressreaktionen, Trauma und Selbstregulation zu verstehen - auch wenn sie wissenschaftlich nicht unumstritten ist. Praktiken wie langsames Atmen, Summen und sichere soziale Verbindung fördern nachweislich Entspannung und Wohlbefinden. Der wichtigste Gedanke: Gefühlte Sicherheit ist die Grundlage für Heilung und Wohlbefinden.

Quellen

kathi dreimuth

Die Autorin
Kathi ist unsere sportliche Allrounderin mit einem besonderen Faible für gesunde Ernährung und Bewegung. Wenn sie nicht gerade neue Rezepte ausprobiert oder auf dem Volleyballplatz steht, ist sie mit ihrem Labrador in der Natur unterwegs.