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Taurin und Langlebigkeit - Was die Science-Studie 2023 wirklich zeigt

9. Januar 2026

Im Juni 2023 sorgte eine Studie im renommierten Fachjournal Science für weltweites Aufsehen: Ein internationales Forscherteam um Professor Vijay Yadav von der Columbia University hatte entdeckt, dass die Aminosäure Taurin bei Mäusen die Lebensspanne um bis zu 12 Prozent verlängern kann. Die Medien überschlugen sich mit Schlagzeilen, Nahrungsergänzungsmittel-Hersteller verzeichneten Rekordverkäufe. Doch was steckt wirklich hinter den Ergebnissen - und lassen sie sich auf den Menschen übertragen?

Das Wichtigste in Kürze

  • Taurin ist eine semi-essenzielle Aminosäure, die der Körper selbst herstellen kann
  • Der Taurinspiegel im Blut sinkt mit dem Alter um bis zu 80 Prozent
  • Bei Mäusen verlängerte Taurin die Lebensspanne um 10-12 Prozent
  • Die Gesundheitsspanne (Healthspan) verbesserte sich bei Mäusen und Affen
  • Humanstudien fehlen noch - die Übertragbarkeit ist nicht bewiesen
  • Eine Folgestudie von 2025 stellt die Rolle als Altersbiomarker infrage
  • Sportliche Aktivität erhöht die körpereigene Taurinproduktion

Was ist Taurin und warum ist es wichtig?

Taurin - chemisch korrekt als Aminoethansulfonsäure bezeichnet - ist den meisten Menschen vor allem als Zutat in Energy Drinks bekannt. Doch die Substanz erfüllt im menschlichen Körper weitaus wichtigere Funktionen als nur als Marketing-Gag zu dienen.

Anders als die 20 proteinogenen Aminosäuren wird Taurin nicht in Proteine eingebaut. Stattdessen kommt es in hohen Konzentrationen in Geweben vor, die besonders viel Energie benötigen: im Herzmuskel, im Gehirn, in der Netzhaut und in der Skelettmuskulatur. Der Körper kann Taurin aus den Aminosäuren Cystein und Methionin selbst herstellen - allerdings nimmt diese Fähigkeit mit zunehmendem Alter ab.

Die Science-Studie im Detail

Professor Henning Wackerhage von der TU München, der Daten zu menschlichen Probanden zur Studie beisteuerte, beschreibt die Ausgangslage: Die Forscher analysierten zunächst Blutproben von Mäusen, Affen und Menschen unterschiedlicher Altersgruppen. Das Ergebnis war eindeutig: Bei allen drei Spezies nimmt die Taurinkonzentration im Alter dramatisch ab.

Altersgruppe Taurinspiegel im Vergleich Veränderung
Kinder und Jugendliche Referenzwert (100%) -
Erwachsene 30-50 Jahre Moderat reduziert ca. -30%
Menschen über 60 Jahre Stark reduziert bis zu -80%
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Die zentrale Frage der Forscher: Ist der sinkende Taurinspiegel eine Folge des Alterns - oder eine seiner Ursachen? Um das herauszufinden, führten sie Experimente an verschiedenen Tiermodellen durch.

Die Ergebnisse bei Tieren

Die Resultate waren bemerkenswert: Mäuse, die täglich 1000 mg Taurin pro Kilogramm Körpergewicht über das Futter erhielten, lebten deutlich länger als ihre Artgenossen in der Kontrollgruppe. Bei männlichen Mäusen stieg die durchschnittliche Lebensspanne um etwa 10 Prozent, bei weiblichen sogar um 12 Prozent. Auch bei Fadenwürmern (C. elegans) zeigte sich eine Lebensverlängerung von 10 bis 23 Prozent.

Noch wichtiger als die reine Lebensverlängerung war die Verbesserung der sogenannten Gesundheitsspanne - also der Zeit, in der die Tiere gesund und aktiv blieben. Sowohl bei Mäusen als auch bei Rhesusaffen zeigten sich positive Effekte auf Knochen, Muskeln, Bauchspeicheldrüse, Gehirn, Darm und Immunsystem.

Gut zu wissen:
Die Studie zeigte auch, dass sportliche Aktivität die körpereigene Taurinproduktion steigert. Dies könnte erklären, warum regelmäßige Bewegung so positive Auswirkungen auf das gesunde Altern hat - ein Zusammenhang, der auch für die Ausdauer und mitochondriale Gesundheit relevant ist.

Welche Mechanismen stecken dahinter?

Die Forscher identifizierten mehrere Wege, über die Taurin seine Anti-Aging-Wirkung entfalten könnte. Die Supplementierung verlangsamte wichtige Marker des Alterns wie DNA-Schäden, Telomerase-Defizienz, beeinträchtigte mitochondriale Funktion und zelluläre Seneszenz. Besonders interessant: Mäuse, denen der Haupttransporter für Taurin fehlte, hatten eine verkürzte Lebenserwartung.

Einen eindeutigen Mechanismus konnten die Wissenschaftler allerdings noch nicht identifizieren. Taurin scheint auf vielen Ebenen gleichzeitig zu wirken - von der Stabilisierung der Zellmembranen über antioxidative Effekte bis hin zur Modulation von Kalziumströmen in Zellen.

Was bedeutet das für Menschen?

Hier wird es kompliziert. Die Daten aus Tierversuchen sind zwar beeindruckend, doch die Übertragbarkeit auf den Menschen ist keineswegs gesichert. Professor Wackerhage mahnt zur Vorsicht: "Die Ergebnisse aus den Tierversuchen sind eindrucksvoll. Wir wissen aber nicht, ob sie auf den Menschen übertragbar sind."

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Professor Michael Ristow, Internist und Direktor des Instituts für Experimentelle Endokrinologie an der Charité Berlin, äußert grundsätzliche Einwände: "Ja, die NAD-Blutspiegel steigen, wenn man NMN nimmt, auch beim Menschen. Aber wir wissen nicht, ob das Taurin aus dem Blut auch wirklich in den Herzmuskelzellen oder im Gehirn ankommt."

Wichtige Einschränkung:
Die in der Studie verwendeten Dosen waren extrem hoch. Umgerechnet auf einen 70 kg schweren Menschen würde die Mäuse-Dosierung etwa 70 Gramm Taurin pro Tag entsprechen - weit jenseits dessen, was als sicher gilt. Die EFSA stuft täglich 6 Gramm als unbedenklich ein.

Folgestudie 2025 sorgt für Ernüchterung

Im Juni 2025 erschien eine weitere Studie im Fachjournal Science, die die ursprünglichen Ergebnisse teilweise infrage stellt. Forscher des National Institute on Aging analysierten Daten der Baltimore Longitudinal Study of Aging und kamen zu einem überraschenden Ergebnis: Bei Längsschnittmessungen - also wiederholten Messungen bei denselben Personen über die Zeit - blieben die Taurinspiegel mit zunehmendem Alter nahezu unverändert.

Die Diskrepanz könnte methodisch bedingt sein: Die ursprüngliche Studie verglich verschiedene Altersgruppen zu einem Zeitpunkt (Querschnittvergleich), während die neue Studie echte Veränderungen über die Zeit abbildete. Professor Wackerhage, der an beiden Studien beteiligt war, räumt ein: "Die neuen Daten zeigen überzeugend, dass niedrige Blut-Taurinkonzentrationen kein generelles Phänomen des Alterns sind."

Die kritische Perspektive:
Die widersprüchlichen Studienergebnisse zeigen, wie komplex die Alternsforschung ist. Weder Singh et al. (2023) noch Fernández et al. (2025) können die Frage abschließend klären, ob sich Taurin als Biomarker für Altern eignet. Methodische Limitationen wie kleine Fallzahlen, unklare Auswahl der Datensätze und fehlende Randomisierung schränken die Aussagekraft beider Studien ein. Aktuell führt Vijay Yadav eine kontrollierte Studie an Menschen durch - deren Ergebnisse werden mit Spannung erwartet.

Taurin in der Ernährung

Wer seinen Taurinspiegel auf natürlichem Weg unterstützen möchte, findet die Aminosäure vor allem in tierischen Lebensmitteln. Besonders reich an Taurin sind Meeresfrüchte, Fisch, Geflügel und Fleisch. Vegetarier und Veganer sind stärker auf die körpereigene Synthese angewiesen, können diese aber durch ausreichende Zufuhr der Vorstufen Cystein und Methionin unterstützen.

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Lebensmittel Tauringehalt pro 100g
Muscheln 240-830 mg
Thunfisch 70-280 mg
Hähnchenbrust 30-170 mg
Rindfleisch 40-60 mg

Interessanterweise kann auch regelmäßige körperliche Aktivität die Taurinproduktion ankurbeln. Die in der Studie beobachtete Korrelation zwischen höheren Taurinspiegeln und besserer Gesundheit könnte also teilweise dadurch erklärt werden, dass aktivere Menschen sowohl mehr Taurin produzieren als auch generell gesünder leben. Dieser Zusammenhang zeigt sich auch bei anderen adaptogenen Substanzen, deren Wirkung oft mit einem aktiven Lebensstil zusammenhängt.

Supplementierung - sinnvoll oder nicht?

Die Entscheidung für oder gegen eine Taurin-Supplementierung sollte individuell getroffen werden. Bislang gilt Taurin als gesundheitlich unbedenklich. Die EFSA hat 2012 die Einnahme von täglich 6 Gramm aus Lebensmitteln und anderen Quellen als sicher beschrieben.

Typische Nahrungsergänzungsmittel enthalten zwischen 500 und 2000 mg pro Portion - weit unter der in Tierversuchen verwendeten Dosis, aber auch deutlich mehr als über die normale Ernährung aufgenommen wird. Ob diese moderate Supplementierung einen messbaren Anti-Aging-Effekt hat, ist wissenschaftlich nicht belegt.

Für Menschen, die sich für das Thema Langlebigkeit interessieren, könnte Taurin ein interessanter Baustein sein - allerdings sollte es nicht isoliert betrachtet werden. Ein ganzheitlicher Ansatz, der auch Faktoren wie circadiane Gesundheit, Bewegung und Ernährung berücksichtigt, ist nach aktuellem Wissensstand vielversprechender als die Hoffnung auf eine einzelne "Wunderpille".

Fazit: Die Science-Studie von 2023 hat Taurin ins Rampenlicht der Alternsforschung gerückt. Die Ergebnisse bei Tieren sind beeindruckend, doch die Übertragbarkeit auf Menschen bleibt unbewiesen. Neuere Forschung stellt zudem die Rolle von Taurin als Altersbiomarker infrage. Bis Ergebnisse aus kontrollierten Humanstudien vorliegen, bleibt Taurin ein vielversprechender, aber noch nicht validierter Kandidat im Longevity-Bereich.

Quellen

kathi dreimuth

Die Autorin
Kathi ist unsere sportliche Allrounderin mit einem besonderen Faible für gesunde Ernährung und Bewegung. Wenn sie nicht gerade neue Rezepte ausprobiert oder auf dem Volleyballplatz steht, ist sie mit ihrem Labrador in der Natur unterwegs.