Gwyneth Paltrow schwört darauf, Fussballstar Erling Haaland praktiziert es angeblich jede Nacht, und auf TikTok haben Videos zum Thema über 8 Millionen Aufrufe: Mouth Taping - das Zukleben des Mundes während des Schlafs - ist einer der meistdiskutierten Schlaftrends der letzten Jahre. Doch während Influencer von besserem Schlaf, weniger Schnarchen und sogar einer definierten Kieferpartie berichten, kommen Wissenschaftler zu einem deutlich ernüchternderen Urteil.
- Mouth Taping ist ein Social-Media-Trend, bei dem der Mund im Schlaf mit Tape zugeklebt wird
- Die Idee: Nasenatmung erzwingen, Schnarchen reduzieren, Schlafqualität verbessern
- Wissenschaftliche Evidenz: Eine systematische Übersichtsarbeit (2025) fand nur 10 Studien mit insgesamt 233 Patienten - alle von niedriger Qualität
- Möglicher Nutzen: Minimale Verbesserungen bei mildem obstruktivem Schlafapnoe-Syndrom
- Risiken: Erstickungsgefahr bei Nasenobstruktion, Hautreizungen, psychisches Unbehagen
- Expertenempfehlung: Keine pauschale Empfehlung möglich - HNO-Abklärung vor dem Selbstversuch
Was verspricht Mouth Taping?
Die Theorie klingt plausibel: Der Mensch ist anatomisch für die Nasenatmung ausgelegt. Die Nase filtert, befeuchtet und erwärmt die eingeatmete Luft, produziert Stickstoffmonoxid (NO) und aktiviert über bestimmte Rezeptoren das parasympathische Nervensystem. Mundatmung hingegen umgeht all diese Vorteile - und wird mit Schnarchen, trockenem Mund, schlechtem Atem und sogar Kiefer- und Zahnfehlstellungen in Verbindung gebracht.
Mouth-Taping-Befürworter argumentieren: Wer den Mund im Schlaf zuklebt, zwingt den Körper zur Nasenatmung - und profitiert automatisch von deren Vorteilen. Die Versprechen reichen von besserem Schlaf über weniger Schnarchen bis hin zu gesteigerter Energie und sogar einem definierten Kiefer.
Was sagt die Wissenschaft?
Im Mai 2025 erschien die bisher umfassendste wissenschaftliche Aufarbeitung des Themas: Ein systematisches Review in PLOS One von Rhee und Kollegen, das alle verfügbaren Studien zu Mouth Taping nach den strengen PRISMA-Richtlinien analysierte.
Das ernüchternde Ergebnis: Aus ursprünglich 120 Artikeln blieben nach Prüfung nur 10 Studien mit insgesamt 233 Patienten übrig. Alle wurden auf der Newcastle-Ottawa-Skala - einem Instrument zur Bewertung der Studienqualität - als niedrig eingestuft. Die Methoden waren heterogen, die Teilnehmerzahlen klein, und die Ergebnisse widersprüchlich.
| Messgrösse | Ergebnis | Bewertung |
|---|---|---|
| AHI (Apnoe-Hypopnoe-Index) | 2 von 6 Studien zeigten Verbesserung | Inkonsistent |
| Schnarchen | 1 Studie zeigte Verbesserung | Schwache Evidenz |
| Subjektive Schlafqualität | Kaum untersucht | Keine belastbaren Daten |
| Nebenwirkungen | 4 von 10 Studien berichteten Risiken | Besorgniserregend |
Die Autoren kommen zu einem klaren Schluss: "Die Daten unterstützen Mouth Taping nicht als sichere oder wirksame klinische Intervention für die Allgemeinbevölkerung mit Mundatmung oder schlafbezogenen Atemstörungen."
Die Risiken: Warum Ärzte warnen
Das grösste Risiko liegt auf der Hand: Wer seinen Mund zuklebt, muss durch die Nase atmen können. Bei jeder Form von Nasenobstruktion - sei es durch Allergien, eine verkrümmte Nasenscheidewand, Polypen oder auch nur einen Schnupfen - kann das lebensgefährlich werden.
Prof. Ingo Fietze, einer der führenden Schlafmediziner Deutschlands, nannte den Trend gegenüber Medien einen "schrecklichen Trend und absoluten Unsinn als allgemeine Empfehlung". Das Problem: Viele Menschen wissen gar nicht, dass sie eine Nasenobstruktion haben - und merken es erst, wenn der Mund zugeklebt ist.
Mouth Taping kann bei undiagnostiziertem Schlafapnoe-Syndrom besonders gefährlich sein. Wer regelmässig schnarcht, unter Tagesmüdigkeit leidet oder von Atempausen im Schlaf berichtet bekommt, sollte unbedingt ein Schlaflabor aufsuchen - nicht zum Klebeband greifen.
Prof. Winfried Randerath vom Marienkrankenhaus Kassel bringt es auf den Punkt: "Die Nasenatmung durch Zukleben des Mundes zu erzwingen, ist keine Lösung." Die Ursache der Mundatmung - ob Nasenpathologie, Übergewicht oder Schlafapnoe - müsse behandelt werden, nicht das Symptom unterdrückt.
Wann Nasenatmung wirklich hilft
Die Vorteile der Nasenatmung sind wissenschaftlich gut dokumentiert - nur ist Mouth Taping nicht der richtige Weg dorthin. Wie die BARMER zusammenfasst: Es gibt keine Evidenz dafür, dass erzwungene Nasenatmung durch Mundverschluss die Schlafqualität verbessert.
Was Nasenatmung leistet - wenn sie natürlich erfolgt:
- Filtration: Nasenhaare und Schleimhäute filtern Partikel und Erreger aus der Luft
- Befeuchtung: Die Luft wird angefeuchtet, was Schleimhäute schützt
- Stickstoffmonoxid: Die Nasennebenhöhlen produzieren NO, das die Blutgefässe erweitert und antimikrobiell wirkt
- Parasympathische Aktivierung: Nasenatmung aktiviert tendenziell das "Ruhesystem" des Körpers
Wer tagsüber bewusst auf Nasenatmung achtet - etwa beim Training oder bei Atemübungen - kann diese Vorteile nutzen, ohne sich nachts in Gefahr zu bringen.
Was wirklich gegen Schnarchen hilft
Schnarchen ist oft ein Symptom, keine eigenständige Erkrankung. Die AOK empfiehlt einen systematischen Ansatz:
1. Ursachenabklärung beim HNO-Arzt: Nasenscheidewandverkrümmung, Polypen, vergrösserte Mandeln oder allergische Schwellungen können oft behandelt werden.
2. Schlafapnoe ausschliessen: Regelmässiges, lautes Schnarchen mit Atempausen ist ein Warnzeichen. Ein Screening im Schlaflabor klärt, ob eine Behandlung nötig ist.
3. Lebensstilfaktoren: Übergewicht ist einer der stärksten Risikofaktoren für Schnarchen und Schlafapnoe. Auch Alkohol, Rauchen und bestimmte Medikamente können das Schnarchen verstärken.
4. Schlafhygiene: Regelmässige Schlafzeiten, ein kühles Schlafzimmer und ausreichende Erholung verbessern die Schlafqualität insgesamt.
5. Schlafposition: Seitenschlaf reduziert Schnarchen oft deutlich - ein Positionstrainer kann helfen, die Rückenlage zu vermeiden.
Ein Scoping Review in American Journal of Otolaryngology (2025) fand, dass Mouth Taping in drei Bereichen möglicherweise von Nutzen sein könnte: bei mildem Schlafapnoe-Syndrom, bei Schnarchen ohne Apnoe, und zur Reduktion von "Mouth Leak" bei Beatmungstherapie. Allerdings sind alle diese Anwendungen nur für sorgfältig ausgewählte Patienten unter ärztlicher Aufsicht relevant - nicht für den unreflektierten Selbstversuch.
TikTok vs. Wissenschaft: Die Diskrepanz
Das Scoping Review analysierte auch die Behauptungen auf TikTok - mit dem Ergebnis, dass die meisten verbreiteten Versprechen nicht durch wissenschaftliche Literatur gestützt werden. Weder die angebliche Verbesserung der Zahngesundheit noch die Kieferformung noch die Steigerung der Immunfunktion haben eine belastbare Evidenzbasis.
Die Popularität des Trends erklärt sich eher durch seine Einfachheit und die Macht der Anekdote: Wenn ein Prominenter von persönlicher Erfahrung berichtet, wirkt das überzeugender als eine statistisch nicht signifikante Studie mit 20 Probanden. Doch gerade bei Gesundheitsthemen ist diese Asymmetrie gefährlich.
Wer einen Versuch erwägt
Trotz aller Warnungen gibt es Menschen, die Mouth Taping ausprobieren möchten. Für sie gelten folgende Mindestvoraussetzungen:
- HNO-ärztliche Abklärung: Sicherstellen, dass die Nasenatmung ungehindert möglich ist
- Schlafapnoe ausschliessen: Bei Verdacht auf schlafbezogene Atemstörungen ist Mouth Taping kontraindiziert
- Spezielles Tape verwenden: Poröse Pflaster, die sich bei Druck öffnen, sind sicherer als festes Klebeband
- Nicht alleine schlafen: Ein Partner kann im Notfall helfen
- Vorsichtiger Start: Erst tagsüber testen, dann kurze Schlafphasen
Fazit: Mouth Taping ist ein Trend, der weit mehr verspricht, als die Wissenschaft belegen kann. Die verfügbare Evidenz ist schwach, die Risiken bei bestimmten Voraussetzungen real. Wer unter Schnarchen oder schlechtem Schlaf leidet, ist mit einer ärztlichen Abklärung besser beraten als mit Klebeband aus dem Drogeriemarkt. Nasenatmung ist wertvoll - aber der Weg dorthin führt über die Behandlung von Ursachen, nicht über das Unterdrücken von Symptomen.
Quellen
- Rhee J et al.: Breaking social media fads and uncovering the safety and efficacy of mouth taping. PLOS One (2025)
- Fangmeyer SK et al.: Nocturnal mouth-taping and social media: A scoping review of the evidence. Am J Otolaryngol (2025)
- BARMER: Mouth Taping - was steckt dahinter?
- AOK: Mouth Taping gegen Schnarchen - Internet-Hype auf dem Prüfstand
- Apotheken Umschau: Mouth Taping - ist Schlaf mit zugeklebtem Mund gesünder?